Sich als Mann oder Frau fühlen: Übersicht

Pflegeziele und Pflegemaßnahmen Sexualität
Menschen mit Behinderung Menschen mit Behinderung und Sexualität
Sexualität im Alter Partnerschaft ist eine Ressource
Krisensituationen Das Alter ist weiblich
Die Sexualität des älteren Mannes Sexualität und Demenz
Pflegepersonal Sexualität in der Pflege: Tabu?
Sexualität in der Pflege: Tabu?  

 

 

10. AEDL Sich als Mann oder Frau fühlen 

11. ATL Kind, Frau, Mann sein  

 

Dieses ATL beschäftigt sich mit der Intimsphäre, dass heißt mit dem ganz persönlichen und vertraulichen Lebensbereich eines Menschen. Es schließt auch, aber nicht nur, die Sexualität des Menschen ein. Die Intimsphäre ist der Eigenbereich eines Individuums, der nicht nur sorgsam abgeschirmt, sondern auch gestaltet wird. Im weiteren Sinne gehören zur Intimsphäre auch persönliche Daten und Gegenstände.

 

Einflussfaktoren auf sich als Mann oder Frau fühlen:

 

 

Pflegeziele und Pflegemaßnahmen

  • akzeptiert die eigene Rolle / Geschlecht / Alter
  • identifiziert sich mit der eigenen Geschlechterrolle
  • die eigene Persönlichkeit / Identität wird angenommen
  • realisiert seine äußere Erscheinung (z.B. Kleidung, Schmuck, Kosmetik)
  • kommt mit Behinderungen zurecht (z.B. Mammaamputation, Lähmung)
  • die Intimsphäre ist gewahrt
  • kann mit Nähe und Distanz umgehen
  • erkennt Grenzen
  • bringt Wünsche auf Intimität zum Ausdruck
  • zeigt seine Gefühle
  • ist in der Lage, Zuneigung oder Zärtlichkeit zu geben
  • kann Beziehungen aufnehmen
  • lebt seine persönlichen Vorstellungen von Sexualität (Hetero- / Homosexualität)


Mögliche Pflegemaßnahmen

  • gleichgeschlechtliche Pflegeperson
  • Schutz vor sexuellen Übergriffen (Klient / Mitarbeiter)
  • Kleiderwünsche beachten (z. B. keine Hosen, wenn Klientin Kleider tragen möchte)
  • Wünsche des Klienten beachten z. B. betreffs Schminken, regelmäßige Frisörbesuche, Schmuck
  • Beachtung des Schamgefühls (z. B. Sichtschutz)
  • Einzelzimmer 
  • keine Tabuisierung der Sexualität

 

Sexualität

Sexualität (sinngemäß „Geschlechtlichkeit“) bezeichnet im engeren biologischen Sinne die Fortpflanzungsfunktion und -organe. In der heutigen Gesellschaft ist die soziale, psychische und emotionale Rolle der Sexualität bekannt und akzeptiert. Dennoch erkennt man immer noch die Verbindung zur biologischen Definition:

  • Fixierung auf die Heterosexualität

  • Abwertung anderer sexueller Ausdrucksformen

  • Tabuisierung von Autoerotik

  • Tabuisierung oder Ignoranz von Sexualität in Kindheit und Alter

  • Vorurteile betreffs Rollenverhalten

Sexualität wird in unserer Gesellschaft als Basis einer Beziehung angesehen und als wichtiger Bereich für das Lebensglück. Die Wert- und Normvorstellungen werden von der Gesellschaft geprägt. Letztendlich ist Sexualität individuell und steht im engen Zusammenhang mit der Biografie eines Menschen. Sexualität kann Ausdruck von Liebe und Sinnlichkeit sein, löst aber auch Gefühle wie Scham und Angst aus. Jeder Mensch besitzt ein geschlechtstypisches Körperbewusstsein und ist von sozialen Rollenerwartungen als Frau oder Mann geprägt. Sexualität umfasst alle Bedürfnisse und Verhaltensweisen der Geschlechtlichkeit und ist ein Grundbedürfnis, das vom Alter unabhängig ist. Jeder Mensch ist lebenslang zu Lustgefühlen fähig. Doch für viele alte Menschen ist Sexualität ein Tabuthema, was auch mit den gesellschaftlichen Bedingungen in ihrer Prägezeit zusammenhängt. 

Unwissenheit und Vorurteile über Sexualität im Alter können in der Altenpflege zu Missverständnissen führen, wodurch die Beziehung zwischen Pflegekraft und Klient belastet wird.

 

 

 

Menschen mit Behinderung

In der Heilerziehungspflege sollte immer beachtet werden, dass beispielsweise auch Menschen mit einer Schwerstmehrfachbehinderung einen Anspruch auf Wahrung ihrer Intimsphäre, Sexualität, Rollenverständnis, eigene Persönlichkeit und Identität haben. 

Es sind Menschen mit einer Behinderung.

Es sind Kinder mit einer Behinderung.

Es sind Alte mit einer Behinderung.

Es sind keine Behinderte.

 

Menschen mit Behinderung haben in der Regel die gleichen Vorstellungen vom Rollenverständnis, Wünsche nach Intimität, Sexualität wie Menschen ohne Behinderung. Durch ihre besondere Lebenslage erfordert es eine gute Beobachtungsgabe, ihre Bedürfnisse zu erkennen und wenn möglich zu erfüllen.

Leider sind Pflegekräfte in Deutschland bisher nur unzureichend geschult, was die Sexualität ihrer Bewohner mit Behinderung betrifft. In der Regel wird das Thema tabuisiert oder ins Lächerliche gezogen. In den Niederlanden gibt es seit Jahren Sexualpädagogen speziell für Menschen mit Behinderung und Beziehungsvermittlungen.

 

 

 

Menschen mit Behinderung und Sexualität

Menschen mit Behinderung, ganz egal welche Behinderung und welcher Behinderungsgrad, sind verschieden. Es gibt nicht den „typischen Behinderten“. Somit gibt es auch nicht die Sexualität oder das sexuelle Verhalten von Menschen mit Behinderung. Menschen mit Behinderung entwickeln ihre Sexualität genauso wie Menschen ohne Behinderung und Sexualität hat auch für sie eine große Bedeutung.

 

Grundgesetz Art 2 

(1) Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.
(2) Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen werden.

 

Das Grundgesetz gilt für alle Menschen, gleich ob behindert oder nichtbehindert. Auch schwerstmehrfachbehinderte Menschen haben das Recht auf Entfaltung ihrer Persönlichkeit, auf Partnerschaft, auf Liebe, auf Zärtlichkeit, auf Leidenschaft. Das Ausleben der Sexualität von Menschen mit Behinderung wird eher von der Gesellschaft, auch Pflegepersonal, Eltern oder Betreuer, behindert, die Behinderung an sich ist zumeist kein Hindernis.

Pflegepersonal, Eltern oder Betreuern steht es nicht zu, das Grundbedürfnis nach Sexualität zu unterdrücken. Das ist eine Körperverletzung. Menschen mit Behinderung greifen auch auf Dienste von Prostituierten oder auf Sexualbegleitungen zurück. Ein Urteil oder Verurteilung steht Pflegepersonal, Eltern oder Betreuern ebenfalls nicht zu. Es verletzt das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung. Verhütungsmaßnahmen dürfen Pflegepersonal, Eltern oder Betreuer nicht erzwingen.

 

UN-Behindertenrechtskonvention, Artikel 23

Achtung der Wohnung und der Familie
(1) Die Vertragsstaaten treffen wirksame und geeignete Maßnahmen zur Beseitigung der Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen auf der Grundlage der Gleichberechtigung mit anderen in allen Fragen, die Ehe, Familie, Elternschaft und Partnerschaften betreffen, um zu gewährleisten, dass

a. das Recht aller Menschen mit Behinderungen im heiratsfähigen Alter, auf der Grundlage des freien und vollen Einverständnisses der künftigen Ehegatten eine Ehe zu schließen und eine Familie zu gründen, anerkannt wird;
b. das Recht von Menschen mit Behinderungen auf freie und verantwortungsbewusste Entscheidung über die Anzahl ihrer Kinder und die Geburtenabstände sowie auf Zugang zu altersgemäßer Information sowie Aufklärung über Fortpflanzung und Familienplanung anerkannt wird und ihnen die notwendigen Mittel zur Ausübung dieser Rechte zur Verfügung gestellt werden;
c. Menschen mit Behinderungen, einschließlich Kindern, gleichberechtigt mit anderen ihre Fruchtbarkeit behalten.

 

Gerade bei Kindern mit geistiger Behinderung oder Verhaltensstörungen sollte auf Sexualerziehung und Aufklärung größter Wert gelegt werden. So lernen sie von klein auf, das Schamgefühl anderer Menschen zu respektieren, ein angemessenes Verhalten in der Öffentlichkeit, aber auch, sexuelle Übergriffe zu erkennen und sich Hilfe zu holen. Sexuelle Gewalt gegen Menschen mit Behinderung, gerade auch durch als nichtbehindert geltende Leute, wird totgeschwiegen. (Bundesfamilienministerium, Studie 2013 zur Lebenssituation von Frauen mit Behinderung in Deutschland: sechs Prozent aller behinderten Frauen, die in deutschen Heimen betreut werden, wurden sexuell missbraucht.) 

Pflegepersonal, Eltern oder Betreuer, die die Sexualität der Menschen mit Behinderung nicht respektieren, sind keine Vertrauenspersonen, an die sich die Schutzbefohlenen wenden, um bei Übergriffen Hilfe zu erhalten. Kenntnisse über den eigenen Körper und Aufklärung schützen. Menschen mit Behinderung benötigen verständliche Informationen zur Sexualkunde, aber auch das Wissen über ihre Rechte. Ein Recht ist beispielsweise das Mitgestalten von Rahmenbedingungen, um ihre Sexualität selbstbestimmt leben zu können.

 

Akzeptanz der Sexualität
Sexuelle Selbstbestimmung
Tolerierung und Akzeptanz von Partnerschaften
Mitgestaltung der Rahmenbedingungen
Zugang zu für sie verständliche Informationen
Aufklärung und intensive Sexualerziehung
Schutz vor sexueller Gewalt

 

 

Unterstützung:

Beratungsstellen: Pro familia – Für selbstbestimmte Sexualität

„Institut zur Selbst-Bestimmung Behinderter“

My Handicap (Internetforum)

Kuratorium Behinderung und Sexualität

 

Artikel bei Eltern.de über Mütter mit geistiger Behinderung

 

 

Sexualität im Alter

Gegenseitiges sexuelles Verlangen in einer Paarbeziehung beruht auf

  • den physiologischen Prozess

  • die psychologische Motivation

  • soziale, kulturelle und religiöse Faktoren

So ist das sexuelle Verhalten bei jedem alten Menschen anders, aber dennoch ein bedeutsames Thema, auch wenn Alterssexualität in der Gesellschaft verleugnet wird und alte und / oder kranke Menschen als asexuell angesehen werden. 

 

 Biografiehintergrund

  • früher war Sexualität untrennbar an Fortpflanzung gebunden
  • keine offene Kommunikation über sexuelle Bedürfnisse
  • Menschen nach reproduktiven Alter = asexuelle Wesen

 in Familien ist die Sexualität zwischen den Eltern ausgeklammert

  • kindliches Interesse an der elterlichen Sexualität schambesetzt

 gesellschaftliche Normen

  • alternde Menschen beschreiben sich selbst oft als asexuell

 

 

Partnerschaft ist eine Ressource

Eine befriedigende Sexualität im höheren Lebensalter hängt wesentlich von dem Vorhandensein einer Partnerschaft ab, in deren Rahmen mehr sexuelle Aktivität und Intimität möglich ist. Der Partnerverlust beendet meist das Sexualleben. 

Alte Menschen in Partnerschaften sind zufriedener, zuversichtlicher, motivierter, selbstbewusster, verfügen über mehr copings und haben mehr Lebensfreude. 

Umgang mit Sexualität erfordert Kompromisse im Beziehungsgeflecht des Altenheimes. Sich im Altenheim neu ergebene Partnerschaften bedeuten für den alten Menschen sehr viel und sollten von den Pflegekräften akzeptiert und nicht negativ bewertet werden. 

Die Akzeptanz der Sexualität im Alter bedeutet die Privatsphäre der Menschen zu respektieren und ihnen ein selbstbestimmtes Leben zu lassen.

 

 

Unterdrückte Sexualität fördert Krisensituationen

 somatische Erkrankungen wie Herzerkrankungen, Hypertonie, Diabetes, Prostataerkrankungen, Adipositas

 psychische Erkrankungen wie Depressionen

 Abgrenzung, Isolation

 Verhaltensänderungen wie aggressiv, introvertiert, interesselos

 Verlust an Lebensfreude

 Verlust an Motivation

 

Abhängigkeit von der Strukturqualität

Die Heimstruktur und Ghettoisierung behindert die sexuelle Selbstbestimmung der Bewohner:

• Das Recht auf eine Intimsphäre wird oft nicht beachtet (z.B. bleibt dem oft verlangsamten Bewohner keine Zeit, auf das Klopfen zu reagieren. In Zweibettzim-mern gibt es kaum Intimsphäre. Oft bleiben Zimmertüren offen).

• Die Privatsphäre im Heim ist reduziert. Bewohner trauen sich nicht, sich sexuell zu begegnen, weil sie sich unentwegt beobachtet fühlen).

• Sexualität wird durch Schweigen verdrängt (weil sie „unästhetisch“ sei).

• Bewohner werden oft nach Geschlechtern getrennt.

• Sexualität der Bewohner wird häufig als Erregung öffentlichen Ärgernisses gewertet.

• Bewohner erleben die ständige Präsentation als Enteignung des Körpers durch Mangel an sinnlichen Erfahrungen (z.B. Pflegende klopfen nicht immer an).

• Gespräche über Sexualität werden tabuisiert.

• Fortbildungen über Sexualität werden aus Geldmangel nicht eingeplant.

• Beim Männermangel im Heim reagieren Frauen oft mit Rivalität und Eifersucht, wenn ein Mann eine Frau nur am Arm anfasst.

• Träger kirchlicher Heime, moralisch streng erzogene Heimleiter oder Pflegende fürchten, dass sexuelle Aktivitäten der Bewohner bekannt werden könnten (Angst vor Imageverlust).

 

"Das Alter ist weiblich"

Bisherige Annahme:

 Hormone und Wechseljahre sind verantwortlich für eine veränderte Libido (sexuelle Lust)

Heutige Annahme: 

 Frauen sind bis ins hohe Alter sexuell genuss- und orgasmusfähig

 sexuelle Interessen, Bedürfnisse bleiben im Alter erhalten

 Rückgang der Libido, sexuellen Aktivität mit zunehmenden Alter 

 

Wunsch nach sexuellem Kontakt besteht, Wunsch und Realität klaffen auseinander.

 

Die Häufigkeit des sexuellen Verkehrs verliert mit zunehmenden Alter an Wichtigkeit, die Bedeutung der Zärtlichkeit in der Sexualität nimmt zu. Frauen mit positiver Einstellung zur Sexualität haben auch im Alter Interesse an sexuellen Aktivitäten. Es besteht ein signifikanter Zusammenhang zwischen Selbstannahme, positiver Haltung dem eigenen Körper gegenüber und einer als befriedigend erlebten Sexualität.

 

Vorraussetzung:

 stabiles Selbstbewusstsein

 wertschätzender Partner

 Distanz zu gesellschaftlichen Normen

 

Einflüsse:

 körperliche Gründe (Krankheiten, Schmerzen)

 hormonelle Veränderungen (z.B. massive Atrophie der Genitale)

 psychologische Gründe (Vorurteile, Befangenheit, Scham, Kränkung)

 soziologische Gründe (Partnerschaft, Verfügbarkeit eines Partners)

 fehlende Kommunikation zwischen Partnern (z.B. Erziehung)

 Libidoverlust beim Partner (Gründe werden bei sich gesucht)

 keine Bereitschaft zu einer neuen Beziehung

 Verweigerung (z.B. negative Erfahrungen, Alter vorgeschoben)

 

Zukunft

Es kommt eine neue Generation von Frauen in Pflegeeinrichtungen:

 konnten sich von traditionellen Verhaltensmustern distanzieren

 "Pille" ab den 60er Jahren

 vermehrte Beteiligung am Berufsleben (unabhängiger)

 sexuelle Liberalisierung

Diese Frauen lassen sich nicht aufgrund ihres Älterwerdens benachteiligen oder als asexuell erklären.

 

Beratungsangebote für Frauen zur Sexualität

 für jüngere Frauen (z.B. Schwangerschaft, Schwangerschaftsabbruch, Verhütung)

 für ältere Frauen kaum vorhanden

 

 

Die Sexualität des älteren Mannes

 

Definitionsproblem "alter Mann"

 ab 40 Jahre allmähliches Absinken des Testeronspiegels

 Anstieg altersassozierter Beschwerden ab 50 Jahre

  • "Klimakterium virile" (Lebensabschnitt, in dem der Testeronspiegel rasch abnimmt.)
  • "Midlife-Crisis" (berufliche Krisen, Kinder aus dem Haus, etc)

 aus geriatrischer Sicht meist ab 60 oder 65 Jahre

 bis 75. Lebensjahr "junger Alter"

 über 75. Lebensjahr "alter Alter" 

 

Ergebnisse mehrerer Studien:

 sexuelle Wünsche, Verlangen bleibt bis ins hohe Lebensalter

 erst bei über 75-jährigen größere Veränderungen

 Wunsch nach Zärtlichkeit bleibt erhalten

 Wunsch nach Geschlechtsverkehr verringert sich

 ausgeprägt Erotik und sexuelle Phantasien

 hohes Lebensalter stärkeres Gewicht auf Vertrauen, Zärtlichkeit

 

 56- bis 65jährige sexuell aktiver als die 18- bis 25jährigen

 Partnerschaft hat großen Einfluss auf sexuelle Aktivität

 sexuelles Verhalten in jüngeren Jahren beeinflusst

 subjektive und objektive Gesundheit entscheidend

 Störungen der sexuellen Funktion

 

Körperliche Ursachen:

 Erregungsphase. länger zur Erektion, oft mehr direkte Stimulation

 Plateauphase: Ejakulation erfolgt später, Drang geringer

 Orgasmus: weniger klar erkennbar und kürzer

 Rückbildung: verkürzt, länger zu neuer Erregung

 

Als mögliche Ursachen wird diskutiert

 hormonelle, vaskuläre (die Gefäße betreffend), neuronale physiologische Veränderungen

 zunehmende Morbidität (Krankheitshäufigkeit)

 vermindertes körperliches Training

 Alkohol- und Nikotinkonsum

 Adipositas

 

Neue Anforderungen an die Partnerschaft

 es wäre möglich, das sexuelle Verhalten anzupassen

  • damit auch im Alter eine befriedigende Sexualität

 bei Orientierung an der jugendlichen sexuellen Leistung

  • Versagensgefühle
  • ängstliche, kritische Selbstbeobachtung
  • Vermeidungsverhalten
  • Zunahme von Erektionsstörungen
  • Hemmungen
  • Schuldgefühle
  • Angst vor Intimität
  • Schamgefühle
  • Copingverlust
  • Partnerschaftskonflikte

 

 

Sexualität und Demenz

Für Menschen mit Demenz ist der Umgang mit ihrer Sexualität besonders erschwert. Einmal treffen sie die Vorurteile der Gesellschaft, auch des Pflegepersonals, zur Sexualität im Alter. Diese Vorurteile werden verstärkt durch die Vorurteile gegen Demenz. 

Verhaltensstörungen bei Demenz sind aufgrund des Kontrollverlustes nicht selten und das betrifft auch die Sexualität. Wenn, dann wird ein unangebrachtes sexuelles Verhalten durch demenzerkrankte Menschen thematisiert und meist auch nur dann, wenn sich andere dadurch gestört fühlen. Das führt dazu, dass sexuelle Entgleisungen wie beispielsweise öffentliches Onanieren oder Entblößen, anzügliche Bemerkungen oder Betatschen pauschalisiert und auf alle Menschen mit Demenz übertragen werden. Die vermutlich häufigste Verhaltensstörung bei Demenz, der Libidoverlust, bleibt unbeachtet (stört ja keinen). Untersuchungen zu dieser Thematik sucht man vergeblich. 

 

 Für Menschen mit Demenz ist Selbstbefriedigung oft eine Ersatzbefriedigung (Sinnesanregung, sich fühlen, den Körper wahrnehmen können)

 Ein Verwirrter kann oft nicht trennen zwischen Pflege im Intimbereich und Sexualität

 Bei sexueller Belästigung sollte immer an die Kontrollfähigkeit gedacht werden (krankheitsbedingter Kontrollverlust)

 Sexuelle Belästigung ist oft ein Signal für Einsamkeit (ursächlich sind Kommunikationsprobleme)

 Ständiger Wechsel von Betreuungspersonal, besonders bei der Grundpflege, führt dazu, dass bei den Betroffenen Schamgefühle schwinden 

 

Bei sexuell auffälligen Verhalten sollte das Problem im Pflegeteam konkret besprochen und gemeinsam Lösungen erarbeitet werden wie beispielsweise

  • konsequente Bezugspflege
  • gleichgeschlechtliche Pflege
  • Ankündigung aller Arbeitsschritte bei der Grundpflege
  • klare Hinweise auf unangemessenes Verhalten
  • eindeutiges Auftreten
  • Distanz beachten
  • entschlossen Grenzen ziehen
  • Kleidung wählen, die derjenige schwer ausziehen kann
  • Ablenkung beispielsweise durch Beschäftigung
  • im Notfall muss man über eine Verlegung des Bewohners beispielsweise auf eine andere Station nachdenken.

Dass bei einer derartigen Einzelfallbesprechung das gesamte Pflegeteam teilnimmt ist wichtig, um ein einheitliches Handeln aller Pflegenden zu garantieren. Außerdem kann im Team besser analysiert werden, ob es Faktoren gibt, die das unerwünschte sexualisierte Verhalten fördern.

Es gibt beispielsweise Pflegepersonal, die nicht Arbeit und Privat unterscheiden können. Anders ist es nicht zu erklären, dass sie auf Arbeit eine Dienstkleidung bevorzugen, die sie auch in der Disco tragen könnten. Tops, Spaghettiträger, zu kurze Oberteile, zu figurbetonte Kleidung, tiefe Ausschnitte, rutschende Hosen, aufdringliche Schminkerei, sichtbare Tätowierungen etc sind keine angemessene Dienstkleidung und können sexuelles Fehlverhalten fördern, unter dem dann auch Kollegen zu leiden haben, aber auch der Demenzerkrankte selber. Uneinsichtige Kollegen sind aus dem Team zu entfernen (Versetzung, Kündigung).

Was auf jeden Fall vermieden werden muss:

 Isolierung des Menschen mit Demenz

 Reduzierung der Kontakte vom Pflegepersonal zum Betroffenen

 Unterdrückung seiner Sexualität

 Strafen

 Eskalation

Mit solchen Maßnahmen werden sexuelle Verhaltensstörungen in der Regel verstärkt.

 

1. Fallbeispiel: 

Maria S. arbeitet in einem Haus für Demenzkranke. Mit Frau A. kann sie sich relativ gut unterhalten. Frau A. ist auch gut im Heimalltag zu integrieren und nimmt an den diversen Beschäftigungsangeboten teil. Frau B. ist seit vier Monaten in der Einrichtung. Sie ist sehr introvertiert. Schwere Wortfindungsschwierigkeiten machen eine Unterhaltung mit ihr fast unmöglich. Ansonsten ist sie recht unauffällig. Beide Frauen bewohnen zusammen ein Zweibettzimmer. Mit der früheren Mitbewohnerin hatte Frau A. oft Streit, weil diese sehr unruhig war. Mit Frau B. versteht sie sich gut. Frau A. bekommt regelmäßig Besuch von ihren Angehörigen, Frau B. hat nie Besuch. In der Spätschicht an einem Sonntag kommen die Angehörigen von Frau A. empört zu Maria S. und verlangen eine sofortige Verlegung von Frau B. in ein anderes Zimmer. Durch beharrliche Nachfragen erfährt Maria S., dass Frau B. den zwölfjährigen Sohn der Besucher massiv sexuell belästigt hatte.

Welche Ursache könnte verantwortlich sein für das Verhalten von Frau B?

Welche Maßnahmen könnten greifen, um derartige Vorfälle zukünftig zu vermeiden?

 

2. Fallbeispiel:

Die Situation auf der Pflegestation ist seit Wochen personell sehr angespannt. Zusätzlich gibt es mit Hern C. Probleme. Herr C. leidet unter Morbus Alzheimer im fortgeschrittenen Stadium. Er teilt sich ein Zimmer mit zwei Mitbewohnern.

 

Zunehmend zeigt er gegenüber dem Pflegepersonal bei der Grundpflege, besonders bei der Intimwäsche, ein sexualisiertes Verhalten durch Anzüglichkeiten und vermehrt auch körperliche Annäherungen.

Besonders schlimm wurde es, als eine neue Mitarbeiterin eingestellt wurde, die ihre Attraktivität gerne zeigt. Inzwischen mag niemand vom Pflegepersonal mehr gerne die Grundpflege bei Herrn C. übernehmen. 

Nennen Sie mögliche Ursachen für seine Verhaltensänderung und eventuelle Pflegemaßnahmen! (Lösungen der Einrichtung auf der Seite Fallbeispiele)

 

 

Pflegepersonal

 

Einstellung der Pflegenden

 Defizitmodell, alte Menschen seien in sexuellen Bedürfnissen abgebaut

 Nicht-Ernst nehmen der sexuellen Bedürfnisse

 Pflegende geben zu 3/4 Probleme mit der Sexualität der Bewohner an, weil sie nicht vorbereitet wurden oder junge Altenpflegerinnen geschockt sind, wenn ein Mann sich zeigt

 Pflegende urteilen unterschiedlich: Die Frage "Dürfen Bewohner ihre Sexualität befriedigen?" beantworten die Hälfte der Pflegerinnen und ein Drittel der Pfleger mit nein, der Rest mit ja

 Oft wird das Schamgefühl beim Waschen, Duschen, Baden verletzt

 Pflegende können durch aufreizende Kleidung die Bewohner erregen

 Oft sind Pflegende liberaler als Mitbewohner, schützen aber selten die Bewohner vor anderen, weil sie unsicher sind, was in diesem Heim erlaubt ist

 Pflegende reagieren mit Verachtung, wenn sie Bewohner erwischen, die Pornos ansehen oder sich befriedigen

 "Strafen": Fixierung, Sedierung, Verlegung, kalter Wasserstrahl unter der Dusche oder in der Badewanne

 

 

Welche konkreten körpernahen Situationen im Pflegealltag werden als schwierig, kritisch, ambivalent erlebt?

Welche Verhaltensübereinkünfte, Verabredungen sollten im Team zum Thema „Nähe und Distanz“ für den institutionellen Alltag getroffen, bzw. in der Konzeption der Einrichtung festgeschrieben werden?

Wie bedeutsam ist das Geschlecht der Pflegefachkraft und der zu pflegenden Person?

Wie kann auch bei intensiver Pflegeangewiesenheit größtmögliche Handlungssouveränität und Selbstbestimmung bei den Anvertrauten gesichert werden?

Wie kann Routine in der Pflege vermieden werden, um die Vielfalt der in der pflegerischen Begegnung angerührten Gefühle nicht zu missachten oder zu verleugnen?

Wie viel körperliche Nähe ist wünschenswert und hilfreich, wie viel Distanz nötig und angebracht, damit sich beide Seiten im Begleitungsverhältnis nicht bedrängt fühlen?

Wie gelingt ohne unbedachte Grenzverletzungen die Balance zwischen Körper- und Sexualfreundlichkeit einerseits und Intimitätsschutz andererseits?

Wie könnte ein „Pflegeknigge“ aussehen, der die Sexualität berücksichtigt?

 

Forderung an Pflegepersonal

 Vorstellung vom asexuellen Altern korrigieren

 Bilder einer Alterssexualität vermitteln

 jugendliche sexuelle Leistungsnormen relativieren

 Freiräume schaffen

 

Sexualität in der Pflege: Tabu?

Wenn ein bestimmter Tatbestand existiert, aber aus unterschiedlichen (moralische, religiöse, konventionelle) Erwägungen heraus nicht darüber gesprochen wird, handelt es sich um ein Tabu. Mehrere Studien belegen, dass Sexualität in der Pflege existiert, aber zumeist zur Thematik geschwiegen wird.

Der Begriff „Sexualität“ umfasst ein breites Spektrum:

  • Genitalität
  • Körperkontakte
  • Beziehungsaufnahme
  • Empfindungen
  • Phantasien
  • Wahrnehmung als geschlechtliche Wesen

Im Pflegealltag kommt es durch die pflegerische Arbeit zu engen körperlichen Kontakten. In einer Studie wurden Auszubildende befragt.

Pflegeschüler berichteten von sexuellen Spannungen, Pflegeschülerinnen fühlten sich unangenehm bedrängt.

Pflegeschüler und Pflegeschülerinnen bewerteten die professionell erforderliche Kontaktaufnahme mit Vermischung persönlicher Betroffenheit als problematisch.

Anscheinend gelang den Pflegeschülern die Trennung zwischen beruflich und privat besser.

Dabei wurde von Pflegeschülern und Pflegeschülerinnen die Notwendigkeit der professionell erforderlichen Kontaktaufnahme nicht in Frage gestellt.

Körperliche Annäherungen wie Streicheln, Umarmungen, Küsschen auf die Wange fanden wohlwollende Akzeptanz, solange sie als harmlos bewertet wurden. Sexuelle Ambitionen wurden von den Auszubildenden abgelehnt. Allerdings konnten die Grenzen nicht definiert werden.

Bei der engen Verknüpfung von Sexualität und Pflege durch die professionell erforderliche Nähe können sexuelle Elemente nicht ausgeschaltet werden. Die Pflegenden müssen befähigt werden, die Grenzen klar zu definieren. Das ist nur möglich durch eine Enttabuisierung, um eine Auseinandersetzung mit dem Thema Sexualität in der Pflege zu ermöglichen.

Wer noch sexuelle Bedürfnisse hat, lebt noch
und wer kein sexuelles Bedürfnis mehr hat, will noch geliebt werden.

Sexuelle Handlungsfreiheit im Heim ist abhängig von architektonischen und  organisatorischen Bedingungen und den Einstellungen der Pflegenden und Angehörigen:

> abhängig von der Strukturqualität der Pflege
> abhängig von der Prozessqualität der Pflege

 

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