Pflegetheorie: Übersicht

Pflegetheorie Pflegekonzept Pflegemodell
Bedürfnismodelle Interaktionsmodelle Pflegeergebnismodelle
ATL AEDL Modell eines Pflegeprozesses
PflegetheoretikerInnen und Modelle

 

 

Pflegetheorie

Die Pflegetheorie gehört zur Pflegewissenschaft und beinhaltet

> ein Bild (Modell) oder einen genauen Bildausschnitt der Realität.

  • Die beschreibenden oder erklärenden Aussagen über diesen Teil der Realität ermöglichen Vorhersagen oder Handlungsempfehlungen.

> die Überprüfbarkeit durch Beobachtungen oder Experimente (Pflegeforschung).

  • Das Ergebnis dieser Beobachtungen oder Experimente entscheiden, ob die Theorie richtig oder falsch ist. Je nach Ergebnis besteht die Theorie oder muss überarbeitet werden.  

 

Pflegekonzept

lat. concipere (erfassen, in sich aufnehmen)

  • Das Wort Konzept hat verschiedene Bedeutungen:
  • Plan, Programm für ein Vorhaben, Konzeption
  • ein erster Entwurf, beispielsweise einer Rede, Skizze
  • Vorstufe einer Theorie
  • gedankliche Zusammenfassung (Vorstellung) von Gegenständen                                    
  • und Sachverhalten, die gemeinsame Merkmale besitzen

 

Pflegemodell

Die professionelle Pflege ist ein sehr umfangreicher Handlungsablauf. Es müssen der Klient und seine Eigenheiten berücksichtigt werden, seine Vorlieben und Abneigungen, seine Tagesform, Krankheiten, Behinderungen, therapeutische und rehabilitative Maßnahmen, die Kriterien der Pflegequalität, das Leitbild der Einrichtung, die Strukturen der Einrichtung, die eigene Person und Tagesform, Kollegen usw.

Würden wir jeden Tag die Pflege eines einzelnen Klienten unter allen Gesichtspunkten planen und durchführen, wäre es so nicht durchführbar. Ein Pflegemodell ist ein Hilfsmittel, um sehr komplizierte umfangreiche Abläufe zu vereinfachen und zu strukturieren. Es ist ein Abbild der Wirklichkeit, dass aber nur die Schwerpunkte hervorhebt. Mit diesen Schwerpunkten kann der individuelle Pflegebedarf eines Klienten im Groben festgestellt werden und wir erhalten sogenannte Checklisten, mit denen wir den Pflegebedarf systematisch und strukturiert abarbeiten können.  

 

Nach Herbert Stachowiak (1973) besitzt ein Modell drei Merkmale:

  • Abbildung (Repräsentation natürlicher oder künstlicher Originale, die selbst wieder Modell sein können)
  • Verkürzung (Ein Modell erfasst nicht alle Attribute des Originals, sondern nur die relevanten)
  • Pragmatismus (Modelle werden für eine bestimmte Zeitspanne und Zweck für ein Original eingesetzt)


In jedem Pflegemodell sind Theorien (Konzepte) enthalten und werden auch als konzeptionelle Pflegemodelle bezeichnet.

 

Aussagen zu den vier für die Pflege zentralen Punkte:

  •  Der Mensch (empfängt Pflege)
  •  Umwelt
  •  Gesundheit
  •  Die Pflege  

 

Es gibt verschiedene Pflegemodelle mit unterschiedlichen Ausrichtungen und Schwerpunkten.


Bedürfnismodelle

Befriedigung der Grundbedürfnisse (davon hängt Wohlbefinden, im Extremfall das Weiterleben ab). Der Pflegebedürftige kann seine Grundbedürfnisse nicht selbst befriedigen. Pflegende müssen die Bedürfnisse erkennen und befriedigen. (Z.B. Liliane Juchli, Monika Krohwinkel [AEDL])


Interaktionsmodelle

Die Pflege hat ihren Schwerpunkt in der Interaktion oder in der kommunikativen Beziehung zum Pflegebedürftigen. (Z.B. Erwin Böhm, Monika Krohwinkel [ABEDL Mischform zwischen Bedürfnis- und Interaktion)


Pflegeergebnismodelle

Der Mensch besitzt selbstregulierende (homöostatische) Systeme, die Störungen auszugleichen vermögen, um das Gleichgewicht (Balance, Stabilität) aufrecht zu erhalten. (Florence Nightingales Ansichten zur Pflege entsprechen grob gesehen einer Mischung aus Bedürfnis- und Pflegeergebnismodell)

 

ATL = Aktivitäten des täglichen Lebens

Liliane Juchli, geb. 1933 in Baden/Aargau, Schweizer Krankenschwester und Lehrerin für Krankenpflege („Thiemes Pflege“) übertrug Virginia Hendersons Konzept der "Activities of daily living" und erweiterte es um das Sterben als ebenfalls sinnstiftend im Alltag. 

ATL´s

1.   Wach sein und schlafen 
2.   Sich bewegen 
3.   Sich waschen und kleiden 
4.   Essen und Trinken 
5.   Ausscheiden 
6.   Körpertemperatur regulieren 
7.   Atmen 
8.   Für Sicherheit sorgen 
9.   Raum und Zeit gestalten, arbeiten und spielen 
10. Kommunizieren 
11. Kind, Frau, Mann sein 
12. Sinn finden im Werden, Sein, Vergehen (auch: Lebenssinn, 
      Sinnkrise, sterben)

 

AEDL = Aktivitäten und existenzielle Erfahrungen des Lebens 

Monika Krohwinkel, geboren 1941 in Hamburg, Krankenschwester und Hebamme, Lehrkraft, ab 1993 Professorin für Pflege, erweiterterte das Konzept von Liliane Juchli um existentielle Erfahrungen. 
 

AEDL´s

1.   Kommunizieren 
2.   Sich bewegen 
3.   Vitale Funktionen des Lebens aufrecht erhalten 
4.   Sich pflegen 
5.   Essen und Trinken 
6.   Ausscheiden 
7.   Sich kleiden 
8.   Ruhen und schlafen 
9.   Sich beschäftigen 
10. Sich als Mann oder Frau fühlen und verhalten 
11. Für eine sichere Umgebung sorgen 
12. Soziale Bereiche des Lebens sichern 
13. Mit existentiellen Erfahrungen des Lebens umgehen 
 · die Existenz gefährdende Erfahrungen 
 · die Existenz fördernde Erfahrungen 
 · Erfahrungen, welche die Existenz fördern oder gefährden

 

Beide Modelle sind sogenannte Bedürfnismodelle. Das heißt, im Mittelpunkt dieser Pflegemodelle steht die Befriedigung der Grundbedürfnisse (davon hängt Wohlbefinden, im Extremfall das Weiterleben ab) des Klienten. Es wird davon ausgegangen, dass Pflegebedürftige ihre Grundbedürfnisse nicht selbst befriedigen können, also müssen Pflegende die Bedürfnisse erkennen und befriedigen. 

Die ATL´s und AEDL´s sind die zur Zeit dominierenden Pflegemodelle in Deutschland. Mit der unterschiedlichen Wichtung schien es lange Zeit, dass sich das Pflegemodell der AEDL´s durchsetzt. Durch die kurzen Verweilzeiten in den Krankenhäusern rückte das Pflegemodell der ATL´s in der Krankenpflege wieder verstärkt in den Mittelpunkt.

(Die Fördernde Prozesspflege [ABEDL] von Monika Krohwinkel konnte sich nicht durchsetzen: zu teuer, zu bürokratisch, unklare Begriffe, Abhängigkeit von einem Anbieter.)

 

 

Modell eines Pflegeprozesses

Ein Prozess ist ein Verlauf, eine Entwicklung oder Ablauf. In der professionellen Pflege beschreibt der Pflegeprozess also, nach welchen Regeln oder Gesetzmäßigkeiten Pflege ablaufen müsste.

WHO

Pflegeprozess nach Fiechter und Meier

 

Zu 1.: dazu gehört auch die Biografie

Zu 2/3.: daraus ergibt sich die Pflegediagnose

Zu 3/4: Pflegeplanung nach den AEDL´s mit Pflegediagnose und Standards

Zu 4/5: Pflegeberichte mit nachvollziehbarem Pflegeverlauf und der Wirkung durchgeführter Pflegemaßnahmen

Zu 5/6: Bewertung des Pflegeplanes und Anpassung an die Ist-Situation

Zu 6: wenn es sich herausstellt, dass die Wirkung der Pflege das Pflegeziel nicht erreichte, müssen die Pflegeziele überdacht und neu festgelegt werden.

Ein Pflegeprozess endet nicht. Ist der Prozess durchlaufen, beginnt er von neuem.

 

 

Übersicht zu den wichtigsten PflegetheoretikerInnen und Modellen

Lehrkräfte in der Pflege, die, sagen wir es mal höflich, relativ wenig Ahnung von Pflege haben, verstehen unter "Pflegetheorie" beispielsweise Krankheitslehre oder Anatomie. Nur ist Krankheitslehre Krankheitslehre und Anatomie Anatomie. Pflegetheorie beschäftigt sich mit den theoretischen Grundlagen in der Pflege und das hat mit Krankheitslehre oder Anatomie nichts zu tun. Pflegetheorie ist eine eigene wissenschaftliche Disziplin und neben Pflegeforschung und Lehre Teil der Pflegewissenschaft. Pflegetheorien entwickeln pflegespezifisches Wissen. Sie sind die Grundlagen einer professionellen Pflege.

Sehr viele Lehrkräfte mögen auch nicht besonders die Pflegetheorie. Sie befürchten eine Staublunge angesichts des "trockenen" Unterrichtsstoffes. Dabei ist die Pflegetheorie spannend. Wenn man sich alleine die Pflegemodelle mit den dazugehörigen PflegetheoretikerInnen ansieht, stellt man schnell fest, dass es mehr als nur Bedürfnismodelle gibt und erschließt sich ganz neue Denkansätze.

Daher mal hier eine Übersicht zu den wichtigsten PflegetheoretikerInnen und Modellen (Die nicht gelernt werden müssen).

 

Zeit VertreterIn Zuordnung der Modelle in der Literatur
1859 Florence Nightingale Grundlage
1952 Hildegard Peplau Interaktionsmodell, Stressmodell, Entwicklungsmodell
1955 Virginia Henderson (später erweitert Juchli ATL, Krohwinkel AEDL) Bedürfnismodell, Bedingungsmodell
1958 Dorothy Johnson Pflegeergebnismodell, (Verhaltens-) Systemmodell
1959 Dorothea Orem Bedürfnismodell, Entwicklungsmodell, Systemmodell
1960 Faye Abdellah Bedürfnismodell
1962 Ida Jean Orlando Interaktionsmodell
1964 Joyce Travelbee Interaktionsmodell
1964 Lydia Hall Die drei Kreise der Pflege
1964 Ernestine Wiedenbach Interaktionsmodell
1966 Myra Levine Pflegeergebnismodell, Entwicklungsmodell, Systemmodell
1968 Imogene King Interaktionsmodell, allgemeines Systemmodell
1970 Callista Roy Pflegeergebnismodell, Adaptionsmodell
1970 Martha Rogers Pflegeergebnismodell
1972 Betty Neuman Systemmodell, Stressmodell
1974 Alfred Kuhn Intersystemisches Pflegefürsorgemodell
1976 J. Paterson, Loretta Zderad Interaktionsmodell, Humanistische Pflege
1978 Madleine Leininger Transkulturelles Pflegemodell
1979 Jean Watson Humanwissenschaftliches Modell, Theorie menschlicher Zuwendung
1979 Margarete Newman Gesundheitsmodell
1980 Joan Riehl Symbolischer Interaktionismus
1980 N. Roper, W. Logan, A. Tierney Das Modell der Lebensaktivitäten
1981 Rosemarie Rizzo Parse Gesundheit als Lebensprozess, Theorie menschlichens Werdens
1984 Monika Krohwinkel Modell der fördernden Prozesspflege
1986 Patricia Benner, Judith Wrubel Pflegekompetenzmodell
1987 J. Akinsanya Modell "Bionursing"
1991 Karin Wittneben Modell der multidimensionalen Patientenorientierung
1996 Joyce Dungan Modell der dynamischen Integration
1996 Marie-Luise Friedemann Familien- und umweltbezogene Pflege
1999 Erwin Böhm Psychobiografisches Pflegemodell

 

Lernzielkontrolle: Pflegetheorie

 
 
 
 
 

Gratis Homepage von Beepworld
 
Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist ausschließlich der
Autor dieser Homepage, kontaktierbar über dieses Formular!